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Foto: Robin Jähne

Beginnen wir die Hinführung zum Buch über den "Ritter der Rose" mit einem Zitat aus dem "Ruodlieb", dem ersten fiktiven "Roman" des Hochmittelalters, das in wenigen Strophen bereits den wesentlichsten Teil eines ritterlichen Lebens zusammenfasst:

 

Es ward ein Ritter einst geboren,

aus einer Sippe auserkoren,

der seinen angestammten Adel

mit Sitten schmückte ohne Tadel.

Was ihm auch seine Herren sagen,

was einer ihm auch aufgetragen,

nichts davon schob er lange auf,

erledigte alles im eifrigen Lauf.

Für diese Herren tat er sein Leben

sehr häufig in den Tod begeben,

sei's bei der Jagd, bei Kriegsgefahr,

sei's, dass es sonst bei einer Handlung war...

 

 

Der Kleine – Lehrjahre

Ergänzungen des Chronisten

 

 

„Mönchlein,Mönchlein!!“ die Kinder, allen voran der ältere Bruder, tanzten um den kleinen
Kerl herum und foppten ihn. Der Bruder hielt gebührenden Abstand, denn er
kannte schon die Folgen des sich aufstauenden Zorns bei dem Kleinen. Er hatte
gut daran getan, denn das Bürschlein in der Mönchskutte stürzte sich auf den
nächststehenden der Peiniger, trat ihn gegen die Schienbeine und prügelte
wütend auf den überraschten Jungen ein. Nur mühsam konnte dieser sich aus der
Umklammerung retten.

Der gerade sechsjährige Bernhard tat sich noch schwer mit seiner Bestimmung. Als
Zweitgeborener war er dem geistlichen Stand zugesprochen worden. Er sollte nach
Hildesheim ins Kloster und dort auf eine kirchliche Laufbahn vorbereitet
werden. Im Moment aber schürzte er die Kutte und jagte hinter den anderen
Kindern her, um sich an ihren wilden Spielen zu beteiligen.

 

Das höfische Anwesen der Familie zur Lippe, der Hermlingshof in der Nähe von
Lipperode, war eher mit einem Gutshof, denn mit einem adeligen Anwesen zu
vergleichen. Der Besitz war weit verstreut und unbedeutend, obwohl die Familie
aus uradeligem Geschlecht stammte. Der Vater strebte danach durch entsprechende
Dienste Lehnsbesitz besonders seitens der Bistümer Münster, Paderborn und
Osnabrück zu erhalten. Die Wurzeln der Familie verlieren sich im Dunkel der
Zeit und erst von Vater und Onkel des kleinen Mönchs berichtet die Chronik 1123
n.Chr. Als erbliches Eigentum besaßen sie ein Haus in Heiligenkirchen am Teutoburger
Wald. Dort, wo einst Kaiser Karl die Sachsen schlug. Außerdem hatten die Brüder
das Prämonstratenserinnenkloster in Cappel gestiftet und die vogteirechte
übernommen. Ganz arm konnte die Familie folglich nicht sein. Ihre politische
Bedeutung lässt sich nicht einschätzen, denn der Vater und der Onkel werden in
vielen Urkunden als Zeugen genannt. Der Vater tat sich insbesondere im Gefolge
seines Lehnsherrn, dem Erzbischof von Köln, und somit auch im Gefolge des
Kaisers Friedrich Barbarossa als ausgezeichneter Kriegsmann hervor.

 

Der Zweitgeborene, Bernhard, erblickte 1140 das Licht der Welt. Die kirchliche
Laufbahn war seine einzige Chance Bedeutung zu erlangen, da das Erbe stets
ungeteilt auf den Erstgeborenen überging. Noch konnte man sich den ungestümen
kleinen Kerl nur schwer als Priester vorstellen, wenn er jetzt, verschmiert mit
Staub von wilden Spielen, bei der Mutter in der Küche stand und ein Honigbrot
aß. Nur die Hände hatte er flüchtig gereinigt und die Mutter hatte gnädig über
diesen Mangel hinweggesehen. Einen Spiegel gab es nicht, in dem er seine
schmutzigen Wangen hätte sehen können, aber das hätte ihn ohnehin nicht
gestört. Er hatte noch keine Ahnung vom Ernst des Lebens, der auf ihn zukommen
würde. Natürlich hatten seine Eltern ihm seine Situation erklärt, doch was hieß
das schon, wenn man gerade sechs Jahre alt war.

„Bernhard komm spielen. Wo steckst du denn schon wieder. Iss nicht so viel Süßes, sonst
wirst du so fett wie alle Mönche.“ Der Bruder konnte es nicht lassen den
Kleinen zu ärgern. Dieser stürzte auch tatsächlich sofort hinter dem Älteren
her, um sich für das Hänseln an ihm zu rächen. Die Mutter hörte ihre beiden
Söhne draußen laut streiten. Mochten die beiden die wenigen Tage der Freiheit
noch genießen. Sie wollte gar nicht daran denken, was ihren Kleinen erwartete.
Doch es war so bestimmt und sicherlich nicht zu seinem Nachteil, wenn er ins
Kloster ging und für die Familie und deren Seelenheil betete. Der Abschied von
ihm würde kurz, wenn auch für sie nicht unbedingt schmerzlos verlaufen. Denn
auch der Älteste würde bald das Heim verlassen, um an fremdem Hofe als Page zu
dienen und so auf den Kriegsdienst vorbereitet zu werden. Noch blieb ihr die
Tochter, die gerade erst das Laufen lernte und vielleicht würde der Herrgott so
gnädig sein und ihr weitere Kinder nach den Totgeburten schenken.

 

Die Jahre der Schulung waren Jahre der Prüfung für den ungebärdigen Bernhard. Seine
Familie sah er in den ersten Jahren gar nicht mehr, um ihm das Heimweh zu
ersparen. Manche dunkle Winternacht lag er in seinem kalten Bett und weinte
nach der Mutter. Keine tröstende Hand, kein Honigbrot, das ihm den Kummer
vertrieb. Er musste lernen, seinen Zorn zu bändigen und Ungerechtigkeiten zu
schlucken. Selbstdisziplin wurde notfalls mit drakonischen Strafen wie
Essensentzug oder nächtlichem Beten in der eiskalten Klosterkirche gelehrt.
Wären es nur das Lesen und Schreiben gewesen, so hätte sich Bernhard sicher
nicht so schwer getan, aber die nächtlichen Gebete, zu denen die Mönche das
Kind immer wieder aus seinem Schlaf rissen, ihn in die kalte Kirche zwangen und
dort unerbittlich auf die richtige Wiedergabe der lateinischen Texte und der
Lieder achteten, waren für ihn eine harte Schule. Schlaftrunken wankte er aus
dem Bett und musste darauf achten, nicht während der Gebete und Gesänge
einzuschlafen. Selbst der kalte Steinfußboden unter seinen Knien konnte ihn
manches Mal nicht vor dem Schlaf retten und erst der harte Ellenbogenstoß
seines Nachbarn brachte ihn wieder ins Bewusstsein zurück. Doch die Litanei,
die Gesänge und Gebete ermüdeten das Kind und ließen es immer wieder in einen
Dämmerzustand zurücksinken. Erst mit den Jahren lernte er sich auf die Inhalte
zu konzentrieren und ihren Sinn zu erfassen. Danach war es ihm möglich,
jegliche Müdigkeit abzuschütteln und sich ganz der Anbetung Gottes und der
Verherrlichung der Leiden Christi hinzugeben und erfrischt aus den nächtlichen
Messen zurückzukehren, um die wenigen Stunden Schlaf bis zum nächsten Gebet
auszukosten.

 

Das Lernen fiel dem Kind leicht und seine Lehrer waren sehr zufrieden mit seinen
Leistungen, nachdem sie seine Widerstände brechen und ihn für die Inhalte des
Lernens begeistern konnten. Seine Familie waren die Mönche. Fragen nach den
Eltern oder den Geschwistern stellte er nicht. Sie hatten sich entfremdet, weil
sie nichts vom Leben des anderen wussten.

 

 

Veränderungen im Jahr des Herrn 1159

Erinnerungen des Edlen Herrn Bernhard zur Lippe

 

Die Mitternachtsmesse war gerade zu Ende und ich 

eilte durch die dunkle Nacht dem schwach erleuchteten Kücheneingang zu. Eng zog
ich den Wollmantel um mich. Dieser November war entsetzlich feucht und kalt.
Ich wollte mir einen Tee holen, um die Kälte, die mir während des
Gottesdienstes in die Glieder gekrochen war, abzuschütteln. Ich musste mich in der
feuchten, frostdurchtränkten Luft der letzten Tage doch verkühlt haben. Mein
Kopf schmerzte und die leichten Dissonanzen, die ich aus den Gesängen der
jungen Mönche herausgehört hatte, trugen nicht gerade zu einer Besserung meiner
gereizten Stimmung bei. Noch hatte ich die Küche nicht erreicht, als ein Novize
an mich herantrat und mir einen versiegelten Brief reichte. Ich prüfte das
Siegel im schwachen Licht, das aus der Küche schien und erkannte mit Erstaunen,
dass der Brief von meinem Vater kam. Seit ich in Hildesheim lebte, hatte ich
niemals Nachricht von ihm erhalten. Lediglich meine Mutter berichtete
gelegentlich von den Geschehnissen zuhause. Dieser Brief konnte nichts Gutes
bedeuten. Ungeduldig öffnete ich den Brief. Mein Vater schrieb mir, dass mein
Bruder im Kampf für seinen Lehnsherrn gefallen sei. Da ich keine weiteren
Brüder, sondern nur noch zwei Schwestern hatte, rief mein Vater mich zurück auf
den Hof, um das Erbe anzutreten.

„Du runzelst die Stirn. Gibt es schlechte
Nachrichten?“ fragte der Cellerar mehr besorgt als neugierig, als ich die Küche
betreten hatte.

„Die Familie“, entgegnete ich kurz, ohne den
weiteren Sachverhalt zu erörtern, der nicht für unberufene Ohren gedacht war.
Natürlich las ich mit Bedauern vom Tod meines Bruders, jedoch hatten wir uns
seit meinem Eintritt ins Kloster nicht mehr gesehen. Gleichzeitig war ich
erschrocken über den Befehl des Vaters, mich wieder auf dem Hermlingshof
einfinden zu müssen. Eine solche Möglichkeit hatte ich niemals in Erwägung
gezogen. Ich war tief in Gedanken, als der Bruder Cellerar einen Becher
Kräutertee vor mich stellte und nach meinen Wünschen fragte.

„Ich habe gerade kleine Kuchen gebacken. Würdest du
gern einen essen? Sie sind sehr gut.“ Er hielt mir einen Teller mit duftendem
Gebäck unter die Nase. Gern nahm ich sein Angebot an. Ich lehnte mich zurück
auf der Bank am Ofen und schloss die Augen, während ich den Kuchen aß. Ja, wie
ein Kind bedurfte ich jetzt der Tröstung mit einer Süßigkeit. Erinnerungen
stiegen in mir auf. Gedanken an unbeschwerte Tage auf dem elterlichen Hof. Die
Streitereien mit dem Bruder, die aufgeschlagenen Knie und das Honigbrot der
Mutter. Die kleine Schwester, die in der Küche herumkroch und die Traurigkeit
der Mutter, wenn sie wieder einmal eines der nachfolgenden Geschwisterchen
begraben musste. Nur diese kleine halbe Stunde wollte ich mir gönnen, um an
Vergangenes zu denken und mich nicht als Mönch zu fühlen, sondern als Bruder.

Nachdem ich mich einigermaßen aufgewärmt hatte,
dankte ich dem Cellerar für seine Kuchen und ging zurück in die Kirche. Hier
wollte ich meiner Aufgabe als Priester folgen und für meinen Bruder beten, um
seine Seele der weiteren Fürsorge Gottes anzuempfehlen.

 

 

In dieser Nacht fand ich keine Ruhe und blieb nach
dem Stundengebet allein in der Kirche zurück. Im Zwiegespräch mit Gott suchte
ich eine Antwort auf den Befehl des Vaters. Ich konnte und wollte mich nicht
widerspruchslos den Anordnungen beugen. Ich rechtete mit Gott, dass er mich
durch die harte Schule der priesterlichen Ausbildung geschickt hatte und mir
nun den Erfolg dieser Jahre verwehrte. Ich hatte nicht Kind sein dürfen wie
meine Schwestern, hatte auf die Liebe meiner Mutter verzichten müssen, hatte
keine Ausbildung zum Ritter erhalten wie mein Bruder und nun sollte alles vergebens
gewesen sein.

Es hielt mich nicht in der Bank, sondern ich
wanderte in der Kirche auf und ab. Ich versuchte ein Gebet mit der Bitte um
Gelassenheit und Demut, doch alles in mir bäumte sich auf gegen den Befehl. Ich
stritt mit Gott und haderte mit meinem Schicksal. Zuletzt warf ich mich vor den
Altar und bat um Erleuchtung und Rat. Während ich dort in Demutshaltung lag, in
die Stille lauschte und die Kälte aus den Steinen in meinen Körper aufsteigen
fühlte, erschienen vor meinen Augen die Bilder, die mich Ostern am Hof Herzog
Heinrichs in Braunschweig begeistert hatten. Ritterrüstungen, Kämpfe im Namen
Gottes und der Heiligen, Anerkennung und Ruhm. Es fühlte sich gut an und in der
Erinnerung musste ich lächeln. Doch gleichzeitig mahnte mich die Stimme der
Pflicht an meine Aufgabe als Seelsorger und die Hoffnungen, die der Herzog in
mich gesetzt hatte. Dennoch, ich würde dem Vater nicht absagen können. Der
weltliche Besitz der Familie musste erhalten und vermehrt werden. Was nützte
der Familie ein Fürsprecher im Himmel, wenn ihr Samen auf der Erde verloren
ging und sie in Bedeutungslosigkeit versank. Meine vornehmste Aufgabe würde die
Fortsetzung der Familientradition sein. Die Energien, die ich bisher für die
Ehre im Himmel eingesetzt hatte, würden nun zu weltlichem Ruhm führen.

Ich fühlte mich wie aus einem tiefen Schlaf
erwacht, als sich diese Erkenntnis vor meinem inneren Auge festigte. Völlig
steifgefroren, aber ganz klar im Geist erhob ich mich, um dem unzweifelhaften
neuen Auftrag Gottes zu folgen und wieder in das weltliche Leben
zurückzukehren. Ich würde den Abt informieren, meinen Vater beruhigen und mich
der neuen Aufgabe widmen. Zwar war es für einen Neubeginn, wie er mir nun
bevorstand, schon reichlich spät, denn ich war bereits neunzehn Jahre alt, doch
es war mein Auftrag, den ich zu erfüllen hatte. Ich dankte Gott für die mir
gesandte Erkenntniss und bat ihn um seinen Schutz und seine Leitung während des
nun vor mir liegenden Weges. Als ich die Kirche verließ, dämmerte bereits das
Morgenlicht. Es schien symbolisch zu sein für meine Situation: ich trat aus der
einen Welt in die andere und die Zukunft schien hell am Horizont zu dämmern.
Wenn es denn so sein sollte, so würde es für mich nicht nur eine rosig Zukunft
werden. Nein, ich würde sie vergolden.

 

 

Die Schwertleite

Erinnerungen des Edlen Herrn Bernhard zur Lippe

 

Zum Osterfest 1167 sollte in Hildesheim ein großartiges Fest stattfinden, bei dem
ich den Ritterschlag erhalten würde. Der Herzog wollte die Feier zunächst in
Braunschweig, das im Jahr zuvor zur Reichshauptstadt erhoben worden war,
abhalten, jedoch war die dortige Kirche für eine Feier in so großem Rahmen zu
klein und unbedeutend. Den Bau eines Doms hatten wir inzwischen schon gemeinsam
geplant, doch die Ausführung würde noch auf sich warten lassen.

 

Die sieben Jahre Lehrzeit waren vorüber. Der Herzog wollte nun den Nutzen aus
meinen Kenntnissen ziehen. „Es gibt Ärger mit dem Bischof von Magdeburg. Es
gefällt ihm nicht, dass ich Hildesheim nun befestigt habe. Verhandeln kann ich nicht mehr mit ihm. Ich werde kämpfen
müssen.“ Der Herzog schwieg eine Weile, dann sah er mich von der Seite an: „Ich
dachte, das wäre eine gute erste Bewährungsprobe für dich.“

„Wie kommt Ihr auf mich? Ihr habt erfahrene Truppenführer“, entgegnete ich erstaunt.

„Erfahren sicherlich, aber nicht unbedingt besser“, antwortete der Herzog. „Du sollst
dich besser in der nächsten Zeit um deine Ausrüstung kümmern. Nach der
Schwertleite wird dir nicht mehr viel Zeit bleiben.“ Mit diesen Worten,
gesprochen während eines Ausritts, den wir zur Bewegung der Pferde und um aus
dem Trubel des Hoflebens herauszukommen, unternommen hatten, machte mich der
Herzog zu seinem Heerführer, noch ehe ich zum Ritter geschlagen worden war. Ich
war stolz auf das Vertrauen, das er in mich setzte.

 

Inzwischen hatte sich der Herzog erneut auch mit
dem Kaiser entzweit, weil er eine Teilnahme am 4. Italienfeldzug, in dem auch
mein Vater an der Seite seines Lehnsherrn, dem Erzbischof von Köln, kämpfen
sollte, ablehnte.

„Es ist völliger Unsinn für diese Sache noch mehr
Geld und Menschenleben zu verschwenden. Der Papst wird aus Frankreich
zurückkehren, Oberitalien wird sich auf seine Seite stellen und der Kaiser wird
das Nachsehen haben. Wozu also die Aufregung. Wir werden hier auch so Krieg
haben, weil der Landgraf von Thüringen mich um Unterstützung gegen Graf
Bernhard von Anhalt gebeten hat, der mir ohnehin schon lange ein Dorn im Auge
ist. Wie ein so unfähiger Mensch überhaupt einen Grafentitel tragen darf, wird
mir ewig unverständlich bleiben. Folglich bleibe ich lieber hier und kümmere
mich um meine Besitzungen, als dass ich mich wegen eines Papstes streite. Ich
habe dem Kaiser einmal Rom erobert. Es wäre albern, es nochmals zu tun.
Natürlich ist der Kaiser wegen meiner Absage verärgert, aber er soll sich
freuen, dass ich ihm den Rücken freihalte, während er in Italien ist. Wenn hier
Unruhen ausbrechen, kann er im Süden auch nicht gescheit kämpfen.“ Verärgert
lief der Herzog in seinem Gemach auf und ab. „Goslar, das er mir zur Kaiserwahl
geschenkt hatte, will er mir wieder nehmen. So als könne man Geschenke geben
und nehmen, wie es einem gerade passt. Nun, ich werde mich an anderer Stelle
schadlos halten. So leicht wird er mich nicht kleinkriegen.“ Er lachte zornig,
zerknüllt den Brief des Kaisers und warf ihn ins Feuer. „Komm, wir haben jetzt
Wichtigeres zu tun. Die Festung Alt Haldensleben muss gehalten werden gegen den
Erzbischof und du solltest dir die Örtlichkeiten von einem Einheimischen
erläutern lassen.“ Der Herzog machte keine halben Sachen und bereitete mich
detailliert auf meine Aufgabe vor.

 

Doch ich hatte auch noch andere Verpflichtungen. In
den folgenden Tagen wurde ich in die Zeremonie der Schwertleite eingeführt. Ich
lernte meinen Text und probte zusammen mit meinem Waffengefährten Widukind den
Ablauf. Widukind, den der Herzog mir bei allen Waffengängen zur Seite gestellt
hatte, war bereits im Dezember zuhause in Rheda zum Ritter geschlagen worden
und hatte darum gebeten, bis zu meiner Schwertleite in Hildesheim bleiben zu
können, bevor er in seine Herrschaft zurückkehren würde.

 

AmTag vor der Feier hatte mich mein ehemaliger Lehrer, der Abt des Klosters
 Hildesheim, abgeholt und in den Dom geleitet. Ich hatte den ganzen Tag bereits
gefastet. Er nahm mir die Beichte ab und bereitete mich im Gespräch auf mein
neues Leben vor.

„Große Verantwortung wird auf dir ruhen, wenn du nun das Schwert ergreifst, um für
deinen Lehnsherrn in den Kampf zu ziehen. Du strebst im Namen Gottes nach Ehre
und Ruhm, nach Gold und Land, denn du bist dem Namen deiner Familie
verpflichtet. Doch gedenke dabei immer deiner unsterblichen Seele. Achte bei
allen deinen Taten darauf, dass sie niemals Schaden nehme. Bitte vor jedem
Kampf und vor jeder Entscheidung, die du zu treffen hast, um Gottes Beistand
und Seinen Rat. Lasse dich nicht von Gemütsregungen zu unüberlegten Taten
hinreißen, auch wenn sie dir in dem Moment noch so richtig zu sein scheinen.
Sorge stets für einen kühlen Kopf. Mäßige das heiße Blut, das in dir pulsiert.“
Schon wollte ich einen Einwurf wagen, doch der Abt gebot mir Schweigen. „Du
musst gar nicht aufbrausen und dich verteidigen. Ich kenne dich schon seit
deiner Kindheit und ich kenne dein rasches Temperament, das du in den Jahren
der geistigen Schulung zu bändigen, oder sollte ich sagen, zu unterdrücken
gelernt hast. Deine Selbstdisziplin ist bei den Mitbrüdern noch sprichwörtlich,
doch ich habe Angst, wenn ich daran denke, dass die unterdrückten Regungen in
dir unkontrolliert ausbrechen könnten.“

Ich konnte ihm schlecht sagen, wie wahr seine Worte waren. Immerhin hatte ich bei
Eleonore erfahren, mit welcher Macht unterdrückte Gefühle ausbrechen können und
wie unersättlich die Gier nach ihrer ersten Befriedigung werden kann, bis dann
das Feuer gezähmt ist.

 

Die Nacht verbrachte ich im Dom. Wie ein Mönch, der seine Weihe am nächsten Tag
erhalten sollte, lag ich ausgestreckt vor dem Altar und lauschte den Worten der
Heiligen Schrift und den Gesängen der Mönche. Ich dachte daran, wie ich vor
diesem Altar gelegen hatte und mit Gott wegen seiner Entscheidung, mich dem
weltlichen Leben zurückzugeben, gerechtet hatte. Nun lag ich hier und brachte
mich ihm erneut dar, doch dieses Mal im Einklang mit Seiner Entscheidung und
nur erfüllt von der Bitte, ein gottgefälliges Leben mit dem Schwert zu führen.

Als Segensspruch für meine Schwertleite hatte
ich den 139. Psalm gewählt, die Verse 23 und 24: >Erforsche mich Gott, und
erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahren, wie ich’s meine. Und siehe, ob ich
auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. < In dieser Nacht vor
dem Altar bat ich Gott um sein Geleit und um ein Zeichen, wenn ich den Weg
verlassen würde. Ich gelobte Ihm bei meinem Leben sofortige Umkehr, wenn ich
ein solches Zeichen sehen würde. Tief erfüllt mit Seinem Frieden erwartete ich
die Stunde des Morgengebetes und des Gottesdienstes.

Zwei Mönche brachten mich zum rituellen Bad ins Haus des Abtes. Danach kleidete man
mich in schlichtes Schwarz mit einer Mönchskutte und führte mich in den Dom, wo
ich der Ostermesse beiwohnen sollte, bevor ich zum Ritter geschlagen wurde.