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Man kennt mich unter dem Namen Cornelius Lupus. Bei meiner
Geburt nannte man mich Cornelius Flavius, aber das ist lange her. Kein Mensch
kennt diesen Namen. Wie alt ich bin, weiß außer mir niemand. Keiner meiner
einstigen Weggefährten lebt mehr und selbst deren Kinder sind schon zu ihren
Ahnen gegangen. Einige Enkel sprechen beim abendlichen Feuer noch über mich,
aber ihnen ist nicht bewusst, dass ich noch lebe. Eigene Nachfahren habe ich
nicht und so wird mein Name mit meinem Tod in den Nebeln Germaniens verschwinden.
Vielleicht wird irgendwann aber doch noch einmal jemand nach mir fragen, weil
er nicht glauben kann, dass mein Leben nur eine Sage, eine Geschichte für
dunkle Wintertage ist. Für diesen einen will ich sie aufschreiben.

Ich erinnere mich an einen klaren, hellen Frühsommertag im
Jahre 9. Die Eichen und Buchen der unübersehbaren, undurchdringlichen
germanischen Wälder leuchteten im frischen Grün der neuen Jahreszeit. Die
Gebirgszüge schimmerten wie junger Wein. Die Ferne verlor sich in diffusem
Licht. Solche Tage waren selten hier in der wilden nördlichen Provinz des
römischen Reiches. Ich stand auf einer Anhöhe und konnte weit über den
Flusslauf schauen, die sich nach Norden schlängelte. Wildes, nur teilweise
urbar gemachtes Land. Wälder und Moore, so weit das Auge reichte. Selten eine
kleine Ansiedlung, alle paar Meilen ein römisches Kastell, dann nur noch
Horizont. Ich schloss die Augen und sog den Duft der sprießenden Wiesen und
Felder und des nahen Flusses ein. Außer dem Rauschen des Wassers war kein Laut
zu hören. Es war Mittag und im Lager unter mir hielt man Mittagsruhe. Selbst
die Pferde auf den Koppeln am Ufer standen unbeweglich mit gesenkten Köpfen. So
muss sich der Frieden anfühlen, dachte ich und spürte gleichzeitig das Schwert
an meiner linken Seite und sah den Helm, den ich neben mich gelegt hatte. Ich
hatte nach dem Pferdetraining keine Lust gehabt, wieder ins Lager zurück zu
kehren und war noch ein Stück ins Land hinein geritten bis zu dem kleinen
Gehöft, wo ich bereits öfter Brot, Nüsse und Obst gekauft hatte. Die dort
lebende germanische Familie war sehr freundlich und freute sich über jeden
Zuverdienst, mit dem sie ihr karges Leben bereichern konnte. Danach hatte ich
mein Pferd auf die Koppel gebracht und einem Legionär zur Versorgung übergeben.
Immer noch mochte ich nicht zurück ins Lager und suchte mir einen Platz oberhalb
des Ufers, um das Mitgebrachte zu verspeisen. Ja, es war heute friedlich am Visurgis,
wo ich mich seit dem Frühjahr in einem befestigten Lager mit gemischten Truppen
aufhielt. Es gab im Moment keine Probleme mit den Germanen, vielmehr fand ein
reger Warenaustausch statt. Die einzige Aufregung in unserem Leben waren
Reiterspiele zu den religiösen Festtagen, die immer prächtig gefeiert wurden.
War ich unzufrieden mit meiner Situation? Nein. Nach den schweren Kämpfen in
Pannonien, an denen ich in den vergangenen drei Jahren beteiligt gewesen war,
freute ich mich auf etwas Ruhe und die Möglichkeit, meine schwere
Schulterverletzung auszukurieren. Die Kämpfe dort im Osten
waren furchtbar gewesen. Nur unter größten Anstrengungen war die
Niederschlagung der Revolte gelungen. Zwar konnte der Norden bald befriedet
werden, aber im Süden dauerte der Aufstand fast vier Jahre lang. Mit bis zu
fünfzehn Legionen unter dem Oberbefehl des Tiberius wurden die dortigen Stämme
nach langen Kämpfen besiegt. Zum Schluss waren wir alle am Ende unserer Kräfte.
Niemand war mehr unverletzt und es blieb keine Zeit, die Wunden heilen zu
lassen. Es war auch eine politisch kritische Zeit, da etwa die Hälfte aller im
gesamten Reich verfügbaren Legionen gleichzeitig im Einsatz war. Die Kavallerie
und hier insbesondere die Auxiliartruppen wurden ständig bei den Kämpfen
eingesetzt, da sie beweglicher waren als die Infanterie und somit schneller auf
die Stoßtruppunternehmen der Aufständischen reagieren konnten. Besonders
hervorgetan hatte sich der Führer einiger germanischer Auxiliartruppen. Ein
noch recht junger Mann namens Arminius, der nach der Unterwerfung der Germanen
im Jahre 4 als Offizier in der römischen Armee diente. Als Fürstensohn erhielt
der das römische Bürgerrecht und führte bald seine eigenen Auxiliartruppen. Er
war sehr erfolgreich in Pannonien und die höchsten Ehren wurden ihm nach dem
Sieg zugesprochen. Er wurde in den Ritterstand erhoben und erhielt den Rang
eines Präfekten. Ein wirklich außergewöhnlicher Mann. Soweit ich wusste, war er
vor einiger Zeit mit seinen Truppen nach Germanien zurückgekehrt und beriet den
Legaten der Provinz Publius
Quinctilius Varus. Sicherlich würde man noch
von ihm hören.

Insubordination – das römische Reich war sehr empfindlich
geworden. Verstöße gegen die herrschende Ordnung wurden schwer geahndet. Dabei
hatte ich gar nicht das Gefühl, mich gegen die Herrschenden und ihre Politik
aufzulehnen. Vielmehr wollte ich meine Männer vor dem sicheren Tod bewahren.
Zumindest war ich davon überzeugt, dass es für viele von uns den sicheren Tod
bedeuten würde, wenn wir dem Marschbefehl, der heute Morgen verlesen wurde,
Folge leisten würden. Ich berichtete beim Lagerpräfekten von meinen
Beobachtungen in den vergangen Monaten. „Hinter jeder Anhöhe liegen
Kundschafter. Jeder Busch ist Deckung für sie. Sie kommen in unser Lager um
Waren zu handeln und spionieren uns aus. Jede harmlose Frage ist eine Falle.
Ich glaube nicht an diplomatische
Gespräche. Bei einem solchen Kultfest sind tausende germanische Krieger
anwesend. Alle bewaffnet. Wieso sollten sie, wenn sie über römische Politik
verärgert sind, ausgerechnet in einer solchen Situation gesprächsbereit sein?"
Alle schauten mich erstaunt und zum Teil etwas betreten an. Vielleicht wussten
die erfahrenen Truppenführer, dass ich nicht ganz Unrecht hatte mit meinen
Äußerungen. „Wir kennen ihre Religion nicht wirklich. Wissen nicht, welche
Macht ihre Priesterschaft auf sie ausüben kann. Wenn wir nun mit einem riesigen
Tross, nicht gefechtsbereit, mit einem Heer germanischer Krieger
zusammenstoßen, setzen wir unsere Truppen einer Gefahr aus, die nicht zu
verantworten ist. Ich würde meine Männer in einem Land, das ich nicht als
befriedet oder gar unterworfen bezeichnen möchte, niemals unvorbereitet auf
eine solche Ansammlung von Kriegern treffen lassen. Nun sollen gleich drei
Legionen losmarschieren. Das ist unverantwortlich." Ich versuchte ruhig zu
bleiben, doch ich bemerkte, dass ich mich ziemlich in Rage redete. Ich hatte
das unbedingte Verlangen zu überzeugen. Mir war ganz elend bei der Vorstellung,
meine Männer in diese tödliche Falle marschieren zu lassen. Jedoch verwarf der
Präfekt jedes meiner Argumente, so als wäre ich noch ein Anfänger, der das
erste Mal eine Zenturie zu führen hatte. Er verschloss sich jedem Einwand, den
ich vorbrachte. „Der Legat Publius Quinctilius Varus, mein Onkel, weiß was er
tut. Er hat jahrzehntelange Erfahrung und außerdem hervorragende Berater, die
sich in Germanien gut auskennen. Ihm könnt und werdet ihr bedenkenlos folgen."
Meine Kollegen hatten nichts Besseres zu tun als ihm nach dem Mund zu reden,
als wenn sie nicht genau gewusst hätten, dass meine Bedenken begründet waren.
Ich lachte verächtlich. „Ja, ein junger, äußerst erfolgreicher Mann namens
Arminius, der ein germanischer Fürstensohn ist und Präfekt germanischer
Auxiliartruppen. Ich denke nicht, dass ich diese Voraussetzungen unbedingt als
günstig bezeichnen würde. Mir schwebt da eher der Begriff „Verrat" vor." Als
ich weiter äußerte, ich könne es mit meiner Offiziersehre nicht vereinbaren,
meine Männer offenen Auges ins Verderben laufen zu lassen, fiel das
bedeutungsschwere Wort „Insubordination". Ich wurde vorläufig von der
Besprechung ausgeschlossen mit dem Hinweis, mir die Folgen eines Verfahrens
wegen Befehlsverweigerung durch den Kopf gehen zu lassen. Es stünde mir frei,
zurück zu kommen, wenn ich wieder klare Gedanken fassen könne. Ich grüßte
militärisch und verließ das Haus des Präfekten. Innerlich wutschnaubend, aber
nach außen ruhig wirkend wie immer, strebte ich dem Lagertor zu. Ich hatte das
Gefühl ersticken zu müssen, wenn ich noch länger in diesen Mauern bleiben
müsste.

„Sei vorsichtig. Irgendwo da draußen könnten noch Germanen
lungern. Zwar kommen sie als Händler, aber letztlich sind es doch alles
Spione." Der Wachposten grüßte freundlich aber besorgt. Er wusste genau wie
ich, was uns bevor stand, wenn unsere Wachsamkeit nachlassen würde. Die
Germanen warteten doch nur auf einen solchen Moment. „Keine Angst, ich gehe nur
bis zum Fluss, wo die Kavallerie gerade die Pferde tränkt." „Na, ob ich denen
trauen würde, das weiß ich auch noch nicht. Immerhin sind es germanische
Auxiliar." Wieder sprach der Posten aus, was auch mir manches Mal durch den
Kopf ging. Wie sicher konnten wir uns unserer Verbündeten sein, wenn es denn
hart auf hart gehen würde? „Lass es gut sein. Wir können nicht jedem
misstrauen, sonst tun wir anderen Unrecht, die es vielleicht gut mit uns
meinen." Ich sagte, was ich selbst nicht glaubte. Während meines Weges dachte
ich nach über die Geschehnisse der vergangenen Stunde und über die
Entscheidung, die ich würde treffen müssen.

Die Männer hatten ihre Pferde zum Fluss getrieben, um sie
nach den anstrengenden Übungen zu erfrischen. Übten sie im Moment nicht mehr
als sonst? fragte ich mich bei ihrem Anblick. Ich ging an den Baumstämmen
entlang, von denen viele hier am Ufer lagen, denn der breite Fluss wurde zum
Flößen genutzt. Etwas abseits von den Truppen nahm ich meinen Helm ab, rückte
mein Schwert zurecht und setzte mich mit Blick auf das Wasser und das flache
Ufer auf einen Stamm. Einige Zeit beobachtete ich die Soldaten, die ihre Pferde
in das Wasser trieben und sie dort wuschen. Mir war nicht klar, wo ich zu
denken anfangen sollte. Immer noch wirbelten meine Argumente und die Gegenrede
des Präfekten in meinem Kopf. Immer wieder versuchte ich neu zu argumentieren,
den Gedanken zu fassen, der den Präfekten umstimmen und mich aus meiner
misslichen Lage holen würde. Es gelang mir nicht. „Na, Cornelius, was sitzt du
hier und fängst Fliegen." Marcus, mein Freund seit vielen Jahren und Decurio einer

Kohorte, stand neben mir. Ein Athlet mit blondem Haupthaar, gestutztem Bart und

blauen Augen. Kein Maler hätte sich ein besseres Model für einen Germanen suchen

können. Ich hatte ihn vorhin gar nicht bei seinen Männern gesehen. „Erlaubst du mir,

dass ich mich setze und meine Kleidung hier trockne?" Er wies auf seine tropfende Tunika.

„Du solltest das Pferd ins Wasser treiben und nicht dich selbst", versuchte ich zu
scherzen. „Komm her, du störst mich nicht." Ich rückte zur Seite und machte ihm
Platz. „Du machtest gerade aber den Eindruck, dass du gern allein sein
würdest", grummelte es unter dem Hemd hervor, das Marcus sich über den Kopf
zog. „Naja, du hast schon Recht. Ich habe ein ziemlich großes Problem und keine
Lösung dafür. Was ich auch tun werde, es wird unvorhersehbare und vielleicht
auch fürchterliche Konsequenzen haben." Während ich dieses sagte, standen mir
plötzlich die Folgen meiner Entscheidungen vor Augen. Entweder verlor ich
meinen Posten bei der Armee, wurde unehrenhaft entlassen, hatte kein Geld und
keine Zukunft mehr im römischen Imperium, oder ich führte den Befehl aus, hatte
den völlig überflüssigen, aber sicheren Tod vieler Männer auf dem Gewissen und
starb hoffentlich dann selbst in Erfüllung meiner Pflicht, wie es immer so
schön hieß. Im ersten Fall kam noch erschwerend hinzu, dass meine Männer unter
fremden Befehl gestellt und somit das Schicksal erleiden würden, das ich ihnen
ersparen wollte. Nur, ich würde wissen, dass sie tot und ich immer noch lebend
und schuldig, wenn auch ohne Zukunft sein würde. Gab es nicht noch einen
anderen Weg für mich? Könnte ich sie retten, wenn sie unter meiner Führung
bleiben würden? Nein, ich glaubte nicht daran. „He, Cornelius, was ist los?" Marcus
hatte inzwischen seine nassen Sachen ausgezogen und räkelte sich in der noch
milden Herbstsonne. „Man sollte glauben, dir wäre gerade eröffnet worden, dass
du zukünftig in Britannien Dienst tun dürftest. Nur das könnte deinen
Gesichtsausdruck erklären." Er versuchte mich aufzuheitern. Im düsteren Norden
Britanniens bei den wilden Pikten Dienst zu tun, war seit jeher ein Witz
zwischen uns gewesen. Ich sah ihn an und fragte mich, was ich ihm anvertrauen
konnte. Wir kannten uns bereits fast sechs Jahre. Ich hatte gerade meine erste
Zenturie übernommen, als er, einige Jahre jünger als ich, mit germanischen
Truppen zu uns kam. Seither hatten wir immer wieder viel mit einander zu tun
gehabt. So unwahrscheinlich es klingt, wir verloren uns nie mehr aus den Augen,
obwohl er zur Auxiliarkavallerie ging und ich zunächst bei den Fußtruppen
blieb. Manchen Feldzug hatten wir gemeinsam begleitet und das Schicksal hatte
uns nie getrennt. Ich wechselte später ebenfalls zur Kavallerie und so gab es
noch mehr Berührungspunkte für uns. Die Jahre hatten mich gelehrt, niemandem
außer mir selbst zu trauen, mit Ausnahme meines Freundes Marcus. Er hatte mich
bisher nie enttäuscht und stets an meiner Seite gestanden. Doch jetzt fragte
ich mich, was in der gegenwärtigen Situation für ihn wichtiger sein würde: die
römische Disziplin, in die auch unsere Freundschaft eingebunden war, oder das
Schicksal seines Volkes, in dessen Land er jetzt kämpfen sollte. Er war kein
Kind mehr gewesen, als man ihn in die römische Armee schickte. Wie würde er
handeln, wenn er den neuen Marschbefehl erhielt? Konnte ich ihm meine Zweifel
und Sorgen anvertrauen? „Wie lange kennen wir uns schon?" fragte Marcus
unvermittelt in meine Grübeleien hinein. „Es könnten sechs Jahre sein ",
antwortete ich nach einer kurzen Überlegung. „Und warum siehst du mich jetzt
an, als sei ich ein Fremder, den du nicht einschätzen kannst und dem du nicht
traust?" Meine Gedanken mussten mir auf der Stirn gestanden haben und mein
Freund kannte mich besser als ich für möglich gehalten hatte. Er wusste, was
ich dachte, ich hingegen hatte bei ihm im Moment meine Zweifel. „Insubordination."
Ich wandte meinen Blick von ihm ab über den Fluss. „Du?" fragte er erstaunt und
warf kleine Steine ins Wasser. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Kein
Soldat könnte dem römischen Imperium treuer dienen." „Oh doch, es ist mir
gerade angedroht worden", entgegnete ich und blickte ihn wieder an. „Ich habe
noch eine kurze Bedenkzeit, aber dann muss ich mich entscheiden." Ich zerbrach
den Stock, den ich in den Händen gehalten hatte und warf die Stücke von mir.
„Und was hat das mit mir zu tun? Warum hast du mich so seltsam angesehen?" Ich
konnte ihm nichts vormachen und entschied mich, mit ihm zu sprechen. Es war sowieso
nur eine Frage der Zeit, wann auch er seine Befehle erhalten würde, denn er
würde seine Truppen ebenfalls marschbereit machen müssen. „Der Präfekt hat
gerade den Marschbefehl besprochen, der morgen erteilt werden wird.
Wahrscheinlich sind die anderen immer noch beisammen. Ich wurde vorübergehend
beurlaubt. Der Legat Varus hat beschlossen, auf seinem Rückweg ins Winterlager
noch einige Lorbeeren zu sammeln. Er will sich mit der germanischen
Stammeselite und der Priesterschaft treffen. Dieses anlässlich des Kultfestes
zur Tages-und Nachtgleiche an der Teutoburg. Er will den dort anwesenden
Fürsten die römische Politik erläutern. Der alte Herr ist sehr ambitioniert. Um
römische Stärke zu demonstrieren, nimmt er drei Legionen, sechs Kohorten und
drei Alae mit. Das wäre ja auch nicht so schlimm, wenn ihn nicht auch noch der
ganze Tross aus seinem Sommerlager begleiten würde." Ich stockte mit meinem
Bericht und ließ den Befehl des Präfekten Lucius Nonius Asprenas noch einmal
Revue passieren. Auch jetzt gefiel mir die Sache nicht. Das seltsame Gefühl im
Magen, das ich seither hatte, meldete sich in diesem Moment wieder. „Und, was
hat das jetzt mit dir zu tun?" fragte Marcus. „Muss ich dir, der du einerseits
Germane bist und andererseits römisches Militär kennst, erklären, warum ich ein
ungutes Gefühl habe? Was würdest du sagen, wenn du erfährst, dass der
Vorschlag, sich mit den Priestern und den Truppenführern zu treffen von einem
guten Freund und Berater des Varus, einem Mann namens Arminius, gekommen ist, seines
Zeichens Fürst der Cherusker und Präfekt germanischer Auxiliartruppen? Dass
dieser Mann seine Truppen sehr erfolgreich in Pannonien geführt hat und bei
Varus ein und aus geht? Was würdest du denken, wenn du erfährst, dass dieser
Mann dem Legaten geraten hat, ein diplomatisches Gespräch über die
unterschwelligen Unruhen im Lande zu führen? Wobei das große Kultfest ein
idealer Zeitpunkt wäre, alle Stammesfürsten der Brukterer, der Marser, der
Chatten und der Cherusker zu erreichen." Während ich mein Gefühl in Worte
fasste, blickte ich Marcus unverwandt an. Keine Regung seines Gesichtes, kein
Lidzucken entging mir. Ich erkannte, dass er über meine Aussagen beunruhigt
war. Vielleicht aus anderen Gründen als ich, das wusste ich nicht. Während ich
schwieg, wandte er seinen Blick starr in die Ferne. „Beim Thor! Das sind
wirklich interessante Nachrichten!" Sein Blick kehrte zurück zu mir. „Du hast
immer noch nicht gesagt, was du damit zu tun hast." „Ich habe davon abgeraten,
den kleinen Umweg auf dem Marsch ins Winterlager zu machen. Ich bin fest davon
überzeugt, dass es sich um eine Finte handelt und wir, völlig unvorbereitet,
den kampfbereiten Germanen gegenüber stehen werden. Und über ein mögliches
Schlachtfeld gebe ich mich auch keiner Illusion hin. Es wird eine Falle sein.
Man wird alles daran setzen, damit wir unsere Kampfkraft nicht entfalten
können. Meiner Meinung nach sollte man die Nachrichten ignorieren und auf
direktem Wege ins Winterlager ziehen. Im Frühjahr könnte man dann schauen, ob
von den inneren Unruhen noch etwas übrig geblieben ist. Das schlechte Wetter,
das jetzt hier einbricht, macht doch jeden Aufruhr zu Nichte. Außerdem, wenn
niemand da ist, gegen wen soll man rebellieren? Und wenn es doch eine Rebellion
gibt, dann ist während des Winters Zeit genug, um das weitere Vorgehen
strategisch zu planen und gezielt zuzuschlagen. Wenn wir jetzt so
unkoordiniert, nur auf eine Einflüsterung hin, durch Germanien ziehen, wird das
unser Untergang sein. Dummerweise habe ich das nicht einfach nur gedacht, sondern
auch gesagt bei der Lagebesprechung. Ein Tribun darf aber keine Vermutungen
anstellen oder dumme Gefühle haben, sondern muss sich den Anweisungen seiner
Vorgesetzten widerspruchslos beugen. Deshalb hat man mich vor die Wahl gestellt
unehrenhaft aus der Armee zu scheiden oder den Marschbefehl entgegen zu nehmen
und meine Männer in ihr Verderben zu führen. Letzteres hat man natürlich nicht
so ausgedrückt, aber ich bin davon überzeugt, dass es so sein wird. Jetzt bist
du dran." Ich griff einige Kieselsteine und warf sie ins Wasser, während ich
auf eine Antwort meines Freundes wartete. Ich musste lange warten, bevor er aus
seiner Versunkenheit auftauchte. „Kennst du Arminius?" fragte er nach einiger
Zeit. Erstaunt hob ich den Kopf. „Was für eine Frage. Sicherlich ebenso gut wie
du. Wir waren zusammen in Pannonien. Also, was denkst du?" Wieder musste ich
lange auf eine Antwort warten und ich fragte mich schon, ob ich nicht doch
einen Fehler begangen hatte, indem ich ihm alles erzählt hatte. „Ich denke, dass
er gefährlich ist für Rom." Marcus drehte sich zu mir um und blickte mich ernst
an. „Aber ich denke auch, dass er eine Chance für Germanien sein kann, wenn er
seine Möglichkeiten klug nutzt. Wie lange ist er jetzt schon zurück?" Zornig
sprang ich auf und baute mich vor ihm auf. „Lieber Freund, es geht mir jetzt
nicht um die Chancen Germaniens unter einem Heerführer Arminius, sondern um
meine Zukunft. Soll ich den Befehl verweigern mit den bekannten Folgen oder
soll ich meine Männer in einen Kampf führen, über dessen Ausgang ich mich
keiner Illusion hingebe? Das sind meine Fragen." Ich hatte ihn an den Schultern
gefasst und gerüttelt. Er schaut mich lange ruhig an. „Cornelius, du denkst,
dass es für dich eine Wahl gibt. Du hast keine! Du bist Soldat und der Tod ist
dein Geschäft. Du wirst in jedem Fall deine Männer führen, wenn es zu einem
Kampf kommen sollte, denn ohne dich gehen sie möglicherweise auch in den Tod
und dann doch besser mit dir. Das verlangt der Eid, den du geschworen hast. So
sieht es aus, Cornelius." Marcus hatte sich erhoben und seine Hände auf meine
Schultern gelegt, um mich zu beruhigen. Immer noch zornig schaute ich ihn an,
dann ließ ich den Kopf ergeben sinken. „Ja, du hast Recht. Wahrscheinlich bin
ich zu feige, in einer hinterhältigen Falle sterben zu wollen, daher glaubte
ich, eine Wahl zu haben." „Unsinn, niemand kann behaupten, dass du feige bist.
Ich habe nie erlebt, dass du vor einem Feind zurückgewichen wärest. Du stehst
kurz vor der nächsten Beförderung, weil du ein so guter Truppenführer bist. Du
verzweifelst nur über die Sturheit und Arroganz der römischen Heerführung. Sie
sehen nur, was sie wollen und glauben, sie seien die Herren der Welt. Niemand
könne sie besiegen. Nun, wir werden sehen." Wieder blickte er gedankenverloren
an mir vorbei. Sah er neue Wege für seine Zukunft? Konnte er sich vorstellen,
einem Mann wie Arminius zu folgen? „Werde ich dich jetzt verlieren, Marcus?"
fragte ich ihn zögernd. „Wir sollten über solche Dinge nicht sprechen,
Cornelius." Marcus nahm seine Sachen und zog sich wieder an, dann legte er mir
den Arm um die Schulter und begleitete mich Richtung Lager. „Lass uns zurück
gehen. Du suchst sofort den Präfekten auf und trittst dein Kommando wieder an.
Du hast keine Wahl, darum mach das Beste draus." „Sprich noch nicht mit deinen
Männern über das, was ich dir gerade erzählt habe. Ich möchte keine Unruhe in
unserem Lager. Wir bekommen noch früh genug Schwierigkeiten." Ich hoffte, dass
ich mich auf ihn verlassen konnte. „Ich werde den Marschbefehl abwarten und
dann nur sprechen, wenn ich gefragt werde. Du kannst mir vertrauen." Wir waren
stehen geblieben und er reichte mir die Hand, um sein Versprechen zu
unterstreichen. „Gut. Wenn du magst, können wir uns später noch auf einen
Becher Wein treffen", lud ich ihn ein. „Danke, ich werde gern kommen." Wir
verabschiedeten uns von einander. Ich holte tief Atem und ging zu Asprenas, um
ihm meinen Entschluss mitzuteilen. „Ich hatte das bei einem so guten Soldaten
wie dir auch nicht anders erwartet. Dieses Land kann einen Menschen manchmal
etwas bedrücken, so dass er Gespenster sieht, wo nur Nebel ist. Ich werde dich,
wenn wir in unserem Winterlager sind, nach Rom schicken. Etwas Sonne und Kultur
werden deine Hirngespinste vertreiben." Dann winkte er mich hinaus und las
weiter in seinen Unterlagen. Sollte er Recht haben und ich sah wirklich nur
Gespenster? Nein, wenn ich es recht überlegte, dann hatte die Reaktion von
Marcus auf meine wenigen Worte mich nur in meinem Misstrauen gegen die
Nachrichten des Varus bestätigt. Nie hatte ich meinen Freund so besonnen
erlebt. Er, der normalerweise erst redete und dann dachte, hatte sich
verschwiegen und nachdenklich gezeigt wie nie zuvor. Mir ging plötzlich auf,
dass Marcus mit seinen letzten Sätzen das bestätigt hatte, was ich nur
vermutete: „Sie halten sich für unbesiegbar. Nun, wir werden sehen."

Doch je tiefer wir in den Wald eindrangen, umso unwohler
wurde mir. Als dann die ersten Pferde zu hören waren, die durch den Wald
brachen und das Geräusch vieler, schneller Schritte, empfand ich fast so etwas
wie Erleichterung. Ich ließ sofort Alarm geben. Germanische Angriffsschreie
lösten bei den Männern im ersten Moment Erschrecken aus, doch die Disziplin
siegte. Jeder Soldat griff seine Waffen, setzte den Helm auf und begab sich, soweit
möglich, in Kampfposition. Die Kavalleristen rannten zu ihren Pferden und saßen
auf. Eine geordnete Abwehr, wie wir sie gelernt hatten, war nicht möglich. Der
Weg war zu eng und wurde durch die gefällten Bäume begrenzt. Rechts der Sumpf,
links das relativ steil ansteigende Gelände. Wie ich erwartet hatte, schlugen
sich die Auxiliartruppen, die uns begleitet hatten, sofort auf die Seite der
Angreifer. Jedoch griffen sie nicht uns an, sondern ritten an uns vorbei den
Legionen entgegen. Wir Römer waren entschlossen, unsere Haut so teuer wie
möglich zu verkaufen. Meine Männer waren gut trainiert und ließen sich nicht
einfach überrumpeln. Lange genug hatten wir geübt. Ich schrie meine Befehle und
wir preschten vor, ohne Rücksicht auf diejenigen, die sich uns in den Weg
stellten. Endlich verstanden meine Männer, wovor ich sie in den letzten Tagen
gewarnt hatte und begriffen, dass es um ihr ganz persönliches Leben gehen würde
und nicht mehr nur um die Ehre des Imperiums. Wir versuchten die Fußtruppen zu
unterstützen, doch sie standen uns überall im Weg. Es war kein Durchkommen. Wir
mussten zurück zu den Legionen. Nur so gab es eine Überlebenschance für uns.
Verbissen erkämpften wir uns den Rückzug, um die Truppen zu warnen. Immer
wieder stellten sich uns Angreifer in den Weg, die aus den geschützten
Waldhängen herausfielen wie reife Äpfel aus einer Kiepe. Um mich herum starben
Männer wie die Fliegen. Wer noch von meinen Einheiten lebte, konnte ich nicht
feststellen. Als uns Reiterei entgegen kam, glaubte ich wenige Momente an eine
Rettung, doch dann blickte ich in das Gesicht von Arminius. Er war uns entgegen
geritten, weil er wusste, dass ich wachsam sein würde und möglicherweise den
Tross zu früh warnen konnte. Er schrie einige Befehle und mindestens drei Reiter
und mehrere germanische Fußsoldaten stürmten mir entgegen. Ich kämpfte
verbissen. Die Gruppe meiner Gegner lichtete sich. Ich suchte Arminius, wendete
mein Pferd und jagte auf ihn zu. Er, der dieses alles veranlasst hatte, sollte
nicht ungeschoren davon kommen. Er sah mich kommen und wandte sich mir
kampfbereit zu. Bevor ich ihn erreichte, wurde mein Pferd mit einem Speerwurf
zu Fall gebracht. Ich fiel glücklich und war schnell wieder auf den Beinen.
Meinen Schild und den Helm hatte ich verloren, aber Schwert und Dolch hielt ich
fest in der Hand. Ich war ein erfahrener Fußkämpfer aus meiner Zeit bei der
Infanterie. Arminius war von seinem Pferd abgesprungen und stellte sich zum
Kampf. Unerbittlich traf Stahl auf Stahl. Meine Wut über den Verrat verlieh mir
unglaubliche Kräfte, doch er war ebenfalls ein ausgezeichneter Kämpfer. Als wir
beide schon verwundet waren, gelang es mir ihn in die Enge zu treiben. In
diesem Moment stürmten zwei Reiter auf mich zu, die mich mit ihren Lanzen zu
Fall brachten. Sofort war ein Mann über mir, dem ich jedoch mit dem Dolch
begegnete. Ehe ich ihn von mir werfen konnte, fühlte ich, wie ein Schwert auf
mein linkes Schienbein niederfuhr und es brach. Ich versuchte den toten
Germanen auf mir wegzurollen und mich in eine bessere Ausgangsposition zu
bringen, da wurde auch mein rechtes Bein gebrochen. Das Knirschen der Knochen
habe ich noch heute in den Ohren. Nur den Beinschienen hatte ich es zu
verdanken, dass sie nicht einfach abgetrennt wurden. Ich weiß nicht wie, aber
noch kam ich hoch auf die Knie, nachdem ich den Toten von mir gerollt hatte. Da
fuhr mir ein Speer in den Rücken und der Hieb von einer Streitaxt traf meine
Schläfe und meine rechte Schulter. Ich sah nur noch Blitze vor den Augen, bevor
ich mit dem Gesicht in den Schlamm fiel.

Als ich eines Tages allein Richtung Dorfrand stakte, kam ein
Mann direkt auf mich zu. Bisher hatten die Germanen einen großen Bogen um mich
geschlagen. Im Gegenlicht konnte ich nicht erkennen, wer es war bis er mich
ansprach: „Du bist zäh. Ich hatte nicht erwartet, dich schon wieder auf den
Beinen zu sehen." Ich war sehr erstaunt Arminius zu begegnen. Es war das erste
Mal seit der Schlacht, in der wir noch versucht hatten, uns gegenseitig
umzubringen. Er war voll bewaffnet und ich durch seinen Verrat ein Krüppel.
Zorn und auch das elende Gefühl der Hilflosigkeit stiegen in mir auf. Er könnte
mich jetzt umbringen und ich hätte keine Chance, mich zu wehren. Was wollte er
also von mir? „Glaubst du, dass du reisefähig bist?" Kalte Wut stieg in mir auf
ob seiner Arroganz. „Das kann nur meine Pflegerin entscheiden. Zumindest werde
ich noch nicht auf einem Pferd sitzen können." Meine Stimme war reine Abwehr.
So sehr ich diesen Ort bisher verflucht hatte, so wenig wollte ich jetzt hier
weg. Meine körperlichen Unzulänglichkeiten ließen etwas wie Angst in mir
aufsteigen. Ich würde mich nicht gegen Angreifer verteidigen, ja, noch nicht
einmal weglaufen können. Hier, in diesem Dorf, fühlte ich mich zu meinem
eigenen Erstaunen relativ sicher. „Komm, lass uns ein Stück gehen, sofern du
kannst." Arminius gab sich jovial. „Wozu?" Ich hatte kein Interesse, mich mit
meinem Todfeind zu unterhalten, doch dann folgte ich ihm. „Warum glaubst du
eigentlich, dass ich dein Feind bin?" fragte mein Begleiter ziemlich unvermittelt,
nachdem wir einige Zeit nebeneinander gegangen waren. „Ich glaube nicht, dass
ich dir jemals einen Grund gab anzunehmen, dass ich dir persönlich nach dem
Leben trachte." „Ach, dann warst das nicht du, der mir in der Schlacht
gegenüber stand? So kann man sich täuschen", erwiderte ich sarkastisch. „Setz
dich her", er wies auf den Platz neben sich, ohne auf meine Bemerkung
einzugehen. „Ich mag nicht zu dir aufschauen." Lange Zeit schwiegen wir und ich
betrachtete ihn von der Seite. Trotz der inzwischen germanischen Kleidung
schien er der Haltung nach immer noch ein römischer Soldat zu sein. Er trug die
blonden Haare inzwischen lang, so wie ich es bei den meisten Germanen gesehen
hatte, und war glatt rasiert. Er war ebenso groß wie ich und somit größer als
die meisten Römer, doch für germanische Verhältnisse durchschnittlich
gewachsen. Wie bei jedem Legionär war sein Körper gut durchtrainiert. Er sah
älter aus als er war. Verantwortung prägt. „Was denkst du über die Schlacht?"
fragte er plötzlich und sah mich an. „Ich möchte nicht darüber sprechen. Es
genügt mir, dass ich dabei war. Abgesehen davon weiß ich fast nichts über den
Hergang. Ich fiel bereits sehr früh aus", entgegnete ich. Natürlich hatte ich
mir meine Gedanken gemacht, aber ich hatte kein Interesse an einem Gespräch.
Ohne meine Reaktion zu beachten, sprach Arminius einfach weiter. „Die 17., 18.
und 19. Legion wurden ausgelöscht. Dazu drei Regimenter Kavallerie. Die
Auxiliartruppen haben sich abgesetzt. Varus und seine Befehlshaber haben Selbstmord
begangen. Vielleicht ein Dutzend Legionäre überlebte und konnte fliehen. Andere
gingen in die Sklaverei. Ich habe Augustus den Kopf des Varus geschickt. Er
weiß nun, woran er in diesem Teil Germaniens ist. Vermutlich wird er Truppen
schicken, um die Überreste der Toten zu bergen und die Legionsadler zu finden.
Wir haben erste Meldungen, dass Tiberius wieder am Rhein eingetroffen ist. Viel
werden sie nicht mehr finden. Es war ein
kalter, harter Winter." Die Erläuterungen kamen kühl und ohne irgendeine
emotionale Regung. Kein Triumph, noch nicht einmal die von mir so verhasste
Ironie, die er sonst immer bei unseren Aufeinandertreffen ausspielte, waren in
seinen Worten zu hören. „Warum?" fragte ich. „Warum all die Toten? Hast du eine
Vorstellung, was nun noch kommen wird? Rom wird eine solche Niederlage nicht
klaglos hinnehmen. Ich bin davon überzeugt, dass es ein großes Aufgebot sein
wird, das sich an der Grenze sammelt. Tiberius ist ein sehr erfahrener
Heerführer und hat die Stämme schon zweimal bezwungen. Und das, was dann kommen
wird, ist es das wert? Bist du dazu in der Lage, den Sieg auszunutzen und Rom
endgültig aus Germanien zu vertreiben? Sonst hat sich der Aufwand nämlich nicht
gelohnt." „Du sprichst von Dingen, von denen du keine Ahnung hast", erwiderte
Arminius kalt. „Hast du eine Vorstellung davon, wie die Römer sich in Germanien
aufführen? Hast du jemals mit Wilja gesprochen? Du kannst dich glücklich
schätzen, dass sie sich bereit erklärt hat, dich zu pflegen. Marcus hat sie
lange bitten müssen, sonst hätte sie dich nach der ersten Versorgung auf dem
Schlachtfeld liegen lassen. Frag sie einmal nach ihren Erlebnissen mit
römischen Truppen und besonders mit der römischen Verwaltung. Denn von Truppen
im Krieg ist man Einiges gewohnt, aber sicherlich nicht von Beamten eines
zivilisierten Staates in Friedenszeiten." Erst jetzt kam Gefühl in seine
Stimme. „Sobald du wieder richtig gehen und reiten kannst, werde ich dich
mitnehmen ins Hauptquartier. Ich möchte, dass du mir bei der Neuorganisation
und Ausbildung einer Armee behilflich bist. In Germanien gibt es zu wenige
Männer, die sich damit auskennen und die eine Armee führen könnten. Du wirst
keine Truppen führen müssen, aber du sollst sie ausbilden. Bevor du mir
antwortest, will ich dir die Alternative nennen. Solltest du dich weigern, mich
zu unterstützen, so würdest du als Sklave verschenkt oder verkauft werden, denn
wir können keine unnützen Esser gebrauchen. Fliehen wirst du vermutlich so oder
so nicht können. Du kannst noch nicht laufen. Das Land hier ist dir ziemlich
unbekannt. In dieser Gegend leben mehr Germanen als Römer. Du beherrschst die
Sprache noch nicht und niemand würde dir auf einer Flucht helfen. Wie kommst du
übrigens mit dem Lehrer voran, den ich dir geschickt habe?" Ich nickte zustimmend,
war aber erst noch sprachlos von seiner Eröffnung. „Wenn du mir hilfst, so
würde ich dich nach einer bestimmten Zeit, wenn ich dich nicht mehr brauche,
freilassen. Darauf hast du mein Wort. Du kannst es dir überlegen. Ich will
jetzt noch keine Antwort. Doch ich werde wiederkommen und dann wirst du dich
entschieden haben müssen." Er hatte sich erhoben und sah mich prüfend an.
„Überleg es dir gut." Dann drehte er sich um und ging zurück ins Dorf. Ich war
wie vor den Kopf geschlagen. Natürlich hatte ich mir Gedanken über meine
Zukunft gemacht, aber niemals angenommen, dass ich mit Arminius
zusammenarbeiten sollte. Meine erste Reaktion war Abwehr und Wut. Niemals würde
ich diesen Mann unterstützen, der drei Legionen brutalst vernichtet hatte; der
den Staat, der ihm seinen Erfolg, seine Karriere ermöglich hatte, in größte
Bedrängnis brachte. Mehr denn je war ich davon überzeugt, dass er eine
militärische Revolte angeführt hatte und keinen Volkskampf germanischer Stämme.
Er war bis zur Schlacht römischer Befehlshaber gewesen, hatte die Bürgerrechte
und war Ritter. Er stand immer noch unter Eid. Wie konnte er da germanische
Auxiliareinheiten gegen Rom führen? Wie könnte ich mit so einem Mann zusammen
arbeiten, ihm vertrauen? Das würde letztlich heißen, meinen eigenen Eid zu
brechen. Unmöglich!